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Leseproben aus "Bardo oder Der Raum"

Roman über Liebe, Vergänglichkeit und spirituelle Grenzerfahrungen

Leseprobe aus „Bardo oder Der Raum“

Abraxas

Bardo oder Der Raum

„Glaubst du, dass irgendein Mensch sich diesen Raum ausdenken kann? Und wir sind da nur zufällig hineingeraten.“

Angeli starrte in die dunklen Augen der Armenierin.

„Wie meinst du das?“

„Vieles, was Menschen sich für Science-Fiction-Filme ausdenken, ist inzwischen Realität geworden. Also könnte sich jemand auch diesen Raum, diese Welt ausgedacht haben. Und wir sind nur willkürlich ausgewählt und hineingesetzt worden. Oder andersherum: Inwieweit könnte unsere eigene Vorstellungskraft uns verändern? Sogar physisch verändern?“

„Das geht mir zu weit. Ich kann in einem Traum leben, ja, aber dass wir alle denselben Traum haben — wie soll das gehen?“

„Wenn Menschen sich dasselbe vorstellen, indem sie zum Beispiel manipuliert werden durch äußere Kräfte — leben dann nicht alle im selben Traum?“

Cherubinas Blick drang tief ein in die schleierweiße Lichtsäule vor der ominösen Wand. Butrus hatte ihnen verboten, in diesen Lichtraum einzutreten. Auch ihm sei es nicht erlaubt. Angeli mutmaßte, dass es vielleicht möglich sein könnte, in dieser Lichtsäule wieder zurückzukehren, in ihr altes Leben.
Cherubina betrachtete die Lichtsäule. Ob der Gefährtin denn klar sei, was das Zeichen auf dem Boden des Lichtkreises, dieser Fünfzack, zu bedeuten habe?

„Das Pentagramm, der Drudenfuß. Er soll böse Geister bannen. Für Platon war es das mäch¬tigste Zeichen überhaupt gewesen. Für die Spirituellen bedeutet es Herrschaft des Geistes. Vielleicht ist es doch eine Art Beamer.“

„Beamer. Eine Schleuse in der Schleuse? Aber schon merkwürdig, dass gerade dieses Zeichen hier steht. Wusstest du, dass dieses Zeichen mit einem umschlie¬ßenden Kreis Pentakel genannt wird?“

„Pentakel? Nein.“

Cherubina flüsterte: „Dieses Pentakel hier könnte auch das Zeichen für Abraxas symbolisieren, den die ägyptischen Gnostiker als Gott verehrten. Für sie war es das Urwesen, aus dem die fünf Urkräfte Geist, Wort, Vorsehung, Weisheit und Macht hervorgegangen seien. Abraxas wurde auch als Gott über Gott bezeichnet. Und er soll“, flüsterte sie der Kameradin zu, „angeblich auch Jesus in die Welt entsandt haben. Es sind höhere Mächte, welche das Schicksal der Menschen beeinflussen, sogar die Weltgeschichte.“
Der Scanner an der Pforte flackerte kurz auf, doch anstatt des Farbspiels durchströmte diesen Menschen, der gerade in einem einfachen Gewand hindurchging, ein weißes Licht. Er schien ganz in sich gekehrt. Ein sanft strahlendes Gesicht. Ein Mann oder doch eine Frau?

Ohne Butrus zu melden, dass der Scanner nicht korrekt in den Spektralfarben gestrahlt hatte, sondern diesen Menschen lediglich mit einem weißen Licht durchströmte, traten die Wächterinnen beinahe ehrfürchtig zur Seite.
Er oder sie schien die Wächterinnen nicht zu beachten. Mit einem geradezu überirdischen Lächeln schritt diese Gestalt an ihnen vorbei durch den Raum. Wie auf eine stille Anweisung hin flankierten die beiden Hüterinnen sie, zwei Schritte dahinter.

Butrus, der Pförtner, stand plötzlich bei der Uhr und verfolgte den bislang einmaligen Vorgang. Fest fokussiert ging dieser Mensch barfuß mit ruhigen Schritten direkt auf die Lichtsäule zu — und trat ein. Die Gestalt erschien darin nun geradezu gläsern. Ohne zu zögern schritt sie über das Pentagramm und verschwand durch die Wand.

Sie starrten noch immer auf die Lichtsäule.

„War das etwa ein – Heiliger? Eine Erleuchtete?“

„Jedenfalls“, schloss Angeli bedauernd, „ein Zurück mittels dieser Lichtsäule ist damit wohl ausgeschlossen. Vermutlich ist diese Person nun ihren letzten, endgültigen Weg gegangen.“

Cherubina fühlte sich bestärkt darin, nicht mehr zurückkehren zu wollen. Dies hier, dachte sie, scheint der richtige Weg zu sein.

Sie waren auf Grund von Gewalttaten hier angekommen. Im Moment der ersten Begegnung hielten sie das neue Umfeld, diesen eigenartigen Raum für einen Traum.

Angeli hatte ihrer unverhofften Schicksalsgefährtin erklärt, dass es im Buddhismus eine sogenannte Nach-Tod-Zeit gäbe. Sie würden es Bardo nennen, was Zwischenzustand bedeutete. Das verbliebene Bewusstsein der Sterbenden würde mit Wahnbildern gequält, die aus dem eigenen Geist entstehen. Gemäß dieser Lehre sollten die Verstorbenen gleich nach dem Ableben mehrere Tage lang in einem Traumzustand verweilen, bis ihre Seele, ihr ‚Seelenwesen‘, wieder einen Körper zugewiesen bekäme. Oder eingehe in die große Leere.

Cherubina hatte den Kopf geschüttelt, sich geschaudert. „Eine Seele, die nach schrecklichen Traumbildern einen neuen Körper annehmen muss. Ein neues, jedoch ebenso ungewisses Leben wie das alte.“

„Ungewiss deshalb“, erklärte ihr die Gefährtin, „weil nicht gesagt ist, ob sie als Menschen wiedergeboren werden, oder vielleicht als Halbgötter, als Tiere oder gar als Höllenwesen.“

„Wiedergeboren als Halbgott oder Höllenwesen?“

„Das soll vom Karma abhängen, also davon, wie du dein bisheriges Leben gelebt hast.“

„Vom Karma? Und wir – mit unserem total verschiedenen Karma, wieso sind wir dann beide hier gelandet? Wieso wurden gerade wir ‚auserwählt‘ für diese Aufgabe? Und dazu dieser Butrus. Weil wir alle drei zufällig zugleich hier ankamen?“

Es gab keine Antwort auf ihre Fragen.

Cherubina starrte noch immer auf die Vorhangwand mit den Reihen der Unendlich-Zeichen. „Vielleicht ist das hier auch so eine Zwischenwelt, ein Zustand zwischen zwei Leben. Eine Art Bardo-Traum.“