
Roman über Liebe, Vergänglichkeit und spirituelle Grenzerfahrungen
Leseprobe aus „Bardo oder Der Raum“
Kamasutra

Antonia und Johannes hatten sich im Kunsthaus verabredet.
„Diese phantasievollen Gottheiten, mehrköpfig, vielarmig! Und die Paardarstellungen, anfangs dachte ich, das wären nur erotische Liebesszenen, eine höhere Bedeutung wäre mir nie in den Sinn gekommen. Am schönsten finde ich das kleine Figurenpaar in sitzender Stellung. Diese beiden engumschlungenen, goldenen Figuren. Ob nun göttlich oder königlich.“
Antonia sprach von der kleinen Skulptur der tibetischen Schutzgottheit Sitasamvara mit seiner Partnerin Vajravarahi aus dem sechzehnten Jahrhundert. Dieses Paar war ihr seit dem ersten Museumsbesuch nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Wieder und wieder musste sie an die beiden Liebenden in ihrer vollkommenen Vereinigung denken. Yab-Yum.
„Im tantrischen Buddhismus gibt es vielfach erotisch anmutende figürliche Darstellungen wie diese Yab-Yum-Skulptur. Diese angedeutete sexuelle Vereinigung findet man in Tibet und Nepal. Sie steht jedoch nicht immer, oder nicht ausschließlich für den Geschlechtsakt, sondern vor allem für die mystische Aufhebung von Gegensätzen, von jeglicher dualistischer Wahrnehmung.“
„Also das vollkommene Eins werden?“
„Ja. Diese innige Vereinigung zielt auf eine höhere Ebene, außerhalb unseres Denkens und Fühlens. Eins werden miteinander und Eins werden mit dem Einen, dem Höchsten.“
„Bei einem perfekten gemeinsamen Höhepunkt ist das doch ähnlich.“ Er glaubte dabei ein kokettes ‚Oder nicht‘ zu hören. Ihm war, als wolle sie ihn mit dem erotischen Thema ein wenig necken. Die Gegenstände um sie herum schienen sich in ihren Blicken aufzuheben. Sie suchte einen neuen Ansatz:
„Stehen diese Darstellungen in einem Zusammenhang mit dem Kamasutra?“
„Mit dem Kamasutra …“, überrascht ließ er das Wort merklich auf der Zunge zergehen, schenkte ihr ein strahlend schalkhaftes Lächeln. „Interessanter Gedanke.“
Ihm sei diesbezüglich kein Zusammenhang bekannt. Das Kamasutra gelte als Leitfaden der Erotik und der Liebe, verfasst um zweihundertfünfzig nach Christus in Indien. Über eine Verbindung dieser viel später entstandenen Yab-Yum-Darstel¬lungen habe er noch nie nachgedacht.
Ob er das Buch gelesen habe, wollte sie wissen. Wieder diese neckische Koketterie um ihre Mundwinkel.
Das Kamasutra? Mit einer spitzbübischen Lippenbewegung spielte er ihr Spiel mit: Nein, es stünde nicht auf dem Studienplan. Ob sie es denn kenne?
Sie schüttelte den Kopf, ihm war, als lag ein Anflug von Errötung auf ihren Wangen.
„Nur Allgemeinbildung. Es heißt, dieser Vatsyayana, der Urheber dieser Liebespraktiken habe selbst eine keusche Lebensweise bevorzugt. Aber, kann es wirklich möglich sein, keusch zu leben, dabei sexuelle Phantasien zu entwerfen und diese dann auch noch so wunderbar zu beschreiben, wie davon erzählt wird?“
Sie kannte also den mutmaßlichen Autor des Kamasutra, was ihn tatsächlich überraschte. Da war dieses Knistern, als würden zwei blanke Drähte, die unter Strom standen, sich zu nahekommen. Aus dieser Beinahe-Berührung entstanden Funken, kleine glänzende Sterne. Seine Augen, ihre Augen, die Augen von Yab und Yum, sie alle sahen dasselbe, formten in den Blicken des anderen dasselbe Verlangen. Das alle Sinne überflügelnde Sein im anderen.
Eine junge Kellnerin war an ihren Tisch getreten mit der Frage, ob es noch etwas sein dürfe – und die Sterne gingen im Licht des Tages unter. Ein Lächeln blieb um ihre Lippenpaare. Antonia nahm den Flyer zur Ausstellung in die Hand und betrachtete das Titelbild. Es zeigte eine im Lotossitz ganz in sich ruhende Buddha Figur mit einer Krone auf dem Haupt.
„Wenn der Buddha ins Nirwana geht, was geschieht dann mit seiner Seele?“
„Der historische Buddha hat zwar die Wiedergeburt aus dem Hinduismus übernommen, aber er glaubte, dass auch die Seele sich auflösen wird.“
„Beten sie im Buddhismus zu Buddha — wenn er kein Gott ist? Also wir beten zum Vater — zum Schöpfer.“
„In gewissem Sinne schon. Es gibt einen einfachen Gebetsspruch: Ich nehme meine Zuflucht zum Buddha, ich nehme meine Zuflucht zum Dharma, also zum kosmischen Gesetz, zur Ordnung und ich nehme Zuflucht zur Gemeinschaft.“
„Und dieses Om mani padme hum?“
„Das bekannte tibetische Mantra — es ist ein Ausdruck des Mitgefühls. Man kennt das ja mit den Gebetsmühlen, diese ewige, sich wiederholende Rezitation, gerichtet an eine, aus Juwelen bestehende Lotosblume zur Befreiung aller Lebewesen aus dem Kreislauf der Wiedergeburten.“
„Aller Lebewesen — erstaunlich. Er sieht hier sehr jung aus, so vital, das blühende Leben, gar nicht wie ein Asket.“
„Mit neunundzwanzig verließ er das Königshaus, war dann sechs Jahre lang auf der Suche. Er ging durch die tiefsten Stufen einer Lebens- und Überlebensübung, die ihm dann Erleuchtung brachte. Von da an lehrte er fünfundvierzig Jahre lang die vier edlen Wahrheiten, die zum Erwachen führen sollen.“
„Du glaubst nicht daran?“
„Ich denke, man muss es wollen, mit allen Sinnen, mit jeder Faser des Geistigen und Körperlichen.“
Antonia schüttelte den Kopf. „Ich könnte das nicht, all das Schöne im Leben ausblenden, einfach dasitzen, um irgendwann überzugehen in die sogenannte ‚Leerheit‘.“
Seine leichte Kopfbewegung deutete ein Verstehen an.
„Mit dem Streben nach dem Schönen kommt bei vielen Menschen auch der Gedanke an Macht auf, an Besitztum, Herrschaft. Daher sagte der Buddha Siddhartha: ‚Jener Wahn, der mich zum Gott machen würde, eben jener Wahn ist in mir erloschen‘.“
„Und was ist mit der Liebe?“
Er sah sie fragend an.
„Ja, zum Leben gehört doch auch die Liebe.“ Sie lächelte, deutete eine leichte, seitliche Kopfneigung an.
„Natürlich gehört zum Leben die Liebe. Sie ist der wichtigste Faktor für das Leben.“
„Und zu Liebe gehören Leidenschaft, Gefühle.“
Er versuchte es sachlich, wissenschaftlich: „Diese Vorstellung hat sich in unserer Kultur erst in den letzten zwei Jahrhunderten entwickelte. Eher ein Nebeneffekt.“
Wieder ihr Lächeln. „Von wegen — Nebeneffekt.“
„Na ja, jedes Wort des Buddhas spricht von Liebe. Er verbindet Liebe mit Achtsamkeit. Er sagt: Ohne Achtsamkeit kann man die Frucht der Liebe, des Verständnisses und der Befreiung nicht hervorbringen. Wenn Achtsamkeit geübt wird, sind Weisheit und Liebe gegenwärtig.“
Einen Augenblick wirkte sie nachdenklich. „Achtsamkeit.“
Wieder vertieften sich ihre Augen ineinander. Leise sagte er:
„Achtsamkeit geht immer …“
Sie nickte unmerklich. „Auch im Spiel?“
Er dehnte den knisternden Moment mit einem tiefen Atemzug. Aus ihren Augen, aus jeder kleinen Pore um diese dunklen Augen, um die Wangen und den Mund, erblühte das zauberische Lächeln einer Lotosblume. Selbst in ihrem stillen Atem war es spürbar, etwas von tief innen sich Entfaltendes. Sie drückte den Kopf etwas in den Nacken. Ihre Hände umfassten die Tasse, er spürte förmlich, wie sich ihr Busen hob und senkte.
„Auch im Spiel.“>/p>
Sie ließ die kleine Atempause zu einer Blütenknospe entfalten, fügte beinahe betont sachlich hinzu:
„Klar ist das Liebesspiel nicht Ausdrucksform der wahren Liebe. Aber es ist doch die körperliche Innigkeit von zwei Menschen. Im Idealfall kann es auch die Aufhebung von Gegensätzen sein. Wenigstens für Momente. Daher“, wieder der anzügliche Unterton, „ist es vielleicht eine fehlende Erfahrung, wenn der Mensch dies aus religiöser Enthaltsamkeit erst gar nicht erlebt.“
Er sah sich in der Tiefe eines rosaroten Blütenkelches versinken, in einem Spiel um ein Spiel. Als entfernter Widerhall vernahm er seine eigenen Worte:
„Der Buddha lehrte lediglich, sexuelle Ausschweifungen zu vermeiden.“
Antonia drehte den Spielball wie eine gepflückte Rosenblüte in ihrer Hand. „Wenn es einen Schöpfergott gibt – glaubst du, dass er all das geschaffen hat, ich meine den Menschen in seinem ganzen Wesen, oder besser gesagt, das Menschliche: Liebe, Lust, Leid – glaubst du, dass er dies alles erschaffen hat, damit der Mensch lernen soll, genau dies in seinem Leben zu überwinden?“
Er hatte inzwischen den Rand des Blütenkelches erklommen, gelangte mit einem forschen Sprung wieder auf das Spielfeld.
„Du fragst mich als Wissenschaftler. Im Zen und bei den Mystikern wird dies so gesehen. Weil eben nur so die vollkommene Annäherung an das Göttliche möglich sei. Buddha hat diese Zusammenhänge so erkannt. Und nicht nur er, auch Jesus und andere ‚Erwachte‘ sahen in der Enthaltsamkeit den richtigen Zugang zur Vollendung. Es sollte kein Widerspruch zum Leben an sich sein, vielmehr der Weg durchs Leben hin zum Erwachen, zur Vollendung.“
Ihr ganzer Körper, jede Faser in ihr schien zu widersprechen:
„Nein, das möchte ich nicht glauben. Nein. Also Jesus hat jedenfalls dieses ganze Menschliche durchlebt, da bin ich sicher. Auch wenn das mit der Liebe nicht bezeugt ist, werden doch immer wieder Frauen an seiner Seite erwähnt. Er hatte Freude am Leben. Selbst wenn bewiesen ist, dass die Enthaltsamkeit zu einer höheren Stufe führt – ich würde es nicht wollen! Was ist dann das Leben noch ohne Liebe, Lust und eben auch Leid?“
Johannes streifte mit Zeige- und Mittelfinger über ihren Handrücken.
„Wohl eine höhere Dimension des Daseins.“
„Und das soll der Plan sein, von Anfang an? Ist es das, was der Schöpfergott will? Aber wozu dann noch einen Gott, wenn es keine Menschen mehr gibt?“